Lager 4.0

Lagerhallen gibt es viele. Doch nur wenige sind so zukunftsorientiert wie die des Arbeitskleidungsherstellers Weitblick im Industriegebiet Alzenau Nord.

Ein Werktag im Alzenauer Gewerbegebiet Nord. In der Siemensstraße 45 verlässt ein Lkw das Gelände des neuen Logistikzentrums der Firma Weitblick. Er hat gerade jede Menge Hemden, Hosen und Jacken angeliefert. Verpackt in Kartons, die jetzt in das moderne Hochregallager kommen. Eigentlich nichts Besonderes. Aber nun beim Einlagern beginnt die Sache spannend zu werden. Denn hier bei der Firma Weitblick ist die gesamte Logistik digitalisiert. Das bedeutet: Jedes einzelne Kleidungsstück ist mit einem individuellen RFID-Chip versehen, der es kennzeichnet und alle wichtigen Daten zum Produkt enthält – etwa Modell, Farbe, Größe und vieles mehr. In einem speziellen Tunnel werden die Chips ausgelesen, sobald die Ware in Alzenau eintrifft. Mit diesen Informationen sucht der Computer in Bruchteilen einer Sekunde einen geeigneten Platz im Hochregallager gleich nebenan. Und wie von Zauberhand gelangen die einzelnen Kartons dann über verschiedene Förderbänder und spezielle Fahrzeuge, die in den Regalgängen hin und her sausen, an die vorgesehene Stelle.

Diese vollautomatische Einlagerung ist aber noch nicht alles. Denn das ausgeklügelte System mit den RFID-Chips bringt der Firma Weitblick einen weiteren wichtigen Vorteil: „Wir haben unsere Fehlerquote bei den Lieferungen auf null reduziert“, freut sich Felix Blumenauer, Managing Director bei Weitblick. Tatsächlich checkt der Computer jedes händisch gepackte Paket auf seinen Inhalt. Stimmt etwas nicht mit der Bestellung überein, leitet das System den Karton an einen Kontrollplatz um. Hier prüft dann ein Mitarbeiter, welches Teil falsch ist oder welches fehlt. Vielleicht lagen aber die Chips auch nur so ungünstig, dass einer nicht lesbar war. „Gleich, welches Problem auftritt, – unsere Mitarbeiter lösen es“, ergänzt Felix Blumenauer.

Der Name ist Programm

Das digitale Logistikzentrum und die fehlerfreie Lieferung sind wichtige Bausteine in der Entwicklung des Familienunternehmens Weitblick. „Der Markenname ist Programm“, erklärt Felix Blumenauer. Schon beim Umzug von Frankfurt nach Kleinostheim bewies der damalige Inhaber Wolfgang Schmidt unternehmerischen Mut: Er ließ die Fundamente der neuen Firmenzentrale bereits 1991 so auslegen, dass sie die Anforderungen aller bis heute nötigen An- und Aufbauten erfüllen. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich seither versiebenfacht.

Die Zentrale: Im RFID-Tunnel werden alle eingehenden Produkte automatisch inventarisiert.

WEITBLICK | Gottfried Schmidt OHG

Visionäre Ideen prägen auch die Produkte von Weitblick – hochwertige Arbeitskleidung für verschiedene Branchen. Schon der wichtigste Vertriebsweg ist für den Laien ungewöhnlich: Weitblick verkauft die Kleidung üblicherweise an Unternehmen, die sie dann als Full-Service-Angebot verleasen. Soll heißen: Handwerker X braucht für seine zwölf Mitarbeiter je zwei Latzhosen, zwei Sweatshirts und fünf Polohemden. Statt sie zu kaufen und selbst für Reinigung und Reparatur zu sorgen, zahlt er einen fixen Betrag an einen Dienstleister, der all das übernimmt. „Genau jene Dienstleister sind unsere wichtigsten Kunden“, erklärt Felix Blumenauer.

Höchste Qualität, beste Zutaten

Diese Tatsache stellt besondere Anforderungen an die Qualität. Denn ein Full-Service-Anbieter wäscht mit völlig anderen Maschinen, als sie im typischen Haushalt zu finden sind. Eine Masse von 400 Kilogramm bei 75 Grad in der Waschtrommel und 150 Grad im Trockner setzen dem Gewebe extrem zu. Trotzdem überstehen Produkte von Weitblick bis zu 200 Waschzyklen. „Ein typisches Kleidungsstück aus dem heimische Schrank hielte diesen Belastungen kein einziges Mal stand“, weiß der Experte.

Für die geforderte Qualität braucht es entsprechende Standards in der Fertigung. Aus diesem Grund beschäftigt Weitblick 1300 Näherinnen und Näher in Europa. Natürlich sorgt das Unternehmen auch an diesen Standorten für die gleichen guten Arbeitsbedingungen, wie sie hierzulande anzutreffen wären, etwa mit klimatisierten Räumen und Kantinen. „Unsere soziale Verantwortung gegenüber allen Mitarbeitern ist uns besonders wichtig“, unterstreicht Felix Blumenauer.

Das Programm von Weitblick deckt Kleidung für praktisch alle Berufsgruppen ab.

WEITBLICK | Gottfried Schmidt OHG

Auch bei den Stoffen macht Weitblick keine Kompromisse: Sie kommen aus italienischen oder deutschen Webereien und übertreffen die Kriterien aller bekannten Siegel. Für einige Produkte – etwa die Hemden einer großen deutschen Supermarktkette – verwendet Weitblick Baumwolle aus Afrika. Die Farmer, die sie anbauen, erhalten für den Rohstoff faires Geld. „Nachhaltigkeit ist für uns sehr wichtig und nicht nur auf das Thema Umwelt beschränkt“, begründet Felix Blumenauer das Engagement.

Reichlich Strom vom Dach

Natürlich spielt auch das Thema Umweltschutz eine wichtige Rolle in der Firmenphilosophie. Die auf dem Dach des Logistikzentrums installierte Fotovoltaikanlage produziert genug Strom, um das Gebäude zu versorgen. Zumindest rechnerisch. Wenn keine Sonne scheint, beziehen wir Strom von der EVA“, erzählt Felix Blumenauer. Besonders bezahlt machen sich die Solarzellen, wenn es draußen richtig heiß wird. Dann nämlich sorgen mit Solarstrom betriebene Klimaanlagen im Inneren für angenehme Temperaturen. Die genießen nicht nur die rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich mit dem Lagern und dem Versand der Ware beschäftigen, sondern auch die etwa zehn Schneiderinnen, die im ersten Stock des Gebäudes an ihren Nähmaschinen sitzen. Sie veredeln und individualisieren kleinere Serien – etwa indem sie Logos oder Namen einsticken.

Das Logistikzentrum in Alzenau ist die größte Investition in der fast 80-jährigen Firmengeschichte, die 1931 mit dem Betrieb von Gottfried Schmidt in der Frankfurter Fahrgasse begann. Rund 60 000 Kartons mit etwa zwei Millionen Artikeln finden in den vier 80 Meter langen und 20 Meter hohen Regalgängen Platz. Dank seiner vollständigen Digitalisierung bildet das Lager die Basis für den Onlineshop, an dem Weitblick aktuell arbeitet. Und es wäre nicht Weitblick, wenn die Planer nicht auch in Alzenau schon die nächsten Jahre vor Augen hätten: Das Unternehmen erwarb mehr als die nötige Fläche für die aktuelle Halle – rund drei Mal so viel. Genug Platz also für die weiterhin angestrebte Expansion. Die Weichen dafür sind bereits gestellt.